Gabis Mondscheinring und die Geschichte eines besonderen Menschen

Gabi sitzt mir gegenüber in meinem Atelier und erzählt mir von einem Wunsch, den sie schon lange mit sich herumträgt. Sie möchte einen individuellen Mondsteinring, einen Ring mit einem ganz besonderen Stein, den sie sich schon seit vielen Jahren wünscht. Während unseres Gesprächs wird allerdings schnell klar, dass es ihr dabei um mehr geht als um die Schönheit dieses besonderen Edelsteins. Sie erzählt mir von klaren Nächten, vom Mond und davon, wie sehr sie es liebt, wenn sich sein Licht auf einer Wasseroberfläche spiegelt.

Noch während sie spricht, entsteht in meinem Kopf ein Bild. Ich sehe einen stillen See in einer klaren Nacht vor mir, auf dessen Oberfläche sich kleine Wellen bewegen. Über dem Wasser steht der Mond und wirft sein sanftes Licht auf den See, wo es sich bricht, verschwindet und an anderer Stelle wieder auftaucht. In meiner Vorstellung sitzt Gabi am Ufer, schaut auf dieses Schauspiel und genießt für einen Moment einfach nur die Ruhe. Ich stelle mir vor, wie sie dort sitzt, ruhig atmend, mit viel Frieden und Liebe im Herzen.

Damals war dieses Bild für mich vor allem der Ausgangspunkt für einen Entwurf. Heute ist es zu meiner liebsten Vorstellung davon geworden, wo Gabi sein könnte.

Gabriele starb im Oktober 2024. Als wir ungefähr ein Jahr zuvor gemeinsam in meinem Atelier saßen und über ihren Mondsteinring sprachen, wussten wir natürlich nicht, wie kostbar dieser ganz gewöhnliche gemeinsame Moment einmal für mich werden würde. Ihr Ring war nie als Abschieds- oder Erinnerungsschmuck gedacht. Er war der persönliche Wunsch einer unglaublich lebendigen Frau, die sich etwas Schönes für sich selbst erfüllen wollte.

Um zu verstehen, warum mich ausgerechnet das Bild dieser Frau an einem stillen See heute so berührt, muss ich ein wenig davon erzählen, wer mir damals gegenübersaß.

Eine Frau, die Menschen und Ideen zusammenbrachte

Ich hatte Gabi über das Unternehmernetzwerk VEU kennengelernt. Sie gehörte zu den Menschen, die sich nicht damit begnügen, irgendwo einfach nur dabei zu sein. Wenn sie sich für etwas interessierte, brachte sie sich ein, übernahm Verantwortung, entwickelte Ideen und stellte Verbindungen zwischen Menschen her. Auch bei Soroptimist International engagierte sie sich gesellschaftlich.

Es gibt Menschen, die sind Macher, und es gibt Menschen, die sind Verbinder. Gabi war beides.

Irgendwie mochte sie mich schon bei meinem ersten Besuch als Gast in ihrer Gruppe, und ziemlich schnell stand fest, dass wir uns auch einmal in Ruhe zu einem persönlichen Gespräch treffen wollten. Bis wir dafür tatsächlich einen Termin fanden, dauerte es bei einer Frau mit so vielen Projekten und Verpflichtungen erwartungsgemäß ein wenig. Als es schließlich klappte, war es für mich Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube, bei ihr war es ähnlich.

Obwohl Gabi deutlich älter war als ich, würde ich sie auch heute noch als Freundin bezeichnen. Unser Altersunterschied war in unserer Beziehung schlicht nicht wichtig. Es gibt Menschen, mit denen man schnell eine Nähe entwickelt, weil gegenseitige Neugier, Wertschätzung und ein ähnlicher Blick auf bestimmte Dinge vorhanden sind. Gabi war für mich einer dieser Menschen.

Eine dieser Gemeinsamkeiten lag sicherlich in unserer Liebe zur Gestaltung, denn Gabi war Architektin. Sie hatte ein ausgeprägtes Gespür für Design und beschäftigte sich beruflich mit einer Frage, die meiner eigenen Arbeit näher ist, als es die unterschiedlichen Dimensionen von Architektur und Schmuck zunächst vermuten lassen: Wie lässt sich aus einer Vorstellung etwas gestalten, das Menschen berührt und ihr Leben begleitet?

Ich durfte Gabi einmal bei einem Treffen ihrer VEU Gruppe vertreten. Meine damalige 60 Sekunden Präsentation über ihre Arbeit begann mit den Worten: „Architektin Gabriele W.-S. gestaltet Raum für Geschichten.“ Für Gabi waren Räume mehr als funktionale oder ästhetisch ansprechende Hüllen. Architektur beeinflusst, wie wir uns fühlen, wie wir miteinander leben, wie wir uns begegnen und welche Erinnerungen wir mit einem Ort verbinden. Sie wollte diese Verbindung zwischen Mensch und Raum verstehen und daraus Lebensräume gestalten.

Als sie nun bei mir im Atelier saß, ging es allerdings einmal um ihren eigenen inneren Raum. Und den wollte ich gemeinsam mit ihr in einen Ring übersetzen.

Die Suche nach dem richtigen Mond

Am Anfang stand der Stein. Für einen individuellen Mondsteinring wie diesen wähle ich den Edelstein nicht allein nach Größe, Farbe oder materiellem Wert aus. Er muss zu der Geschichte passen, die wir mit dem Schmuckstück erzählen wollen. Bei Gabi wussten wir sehr genau, wonach wir suchten: nach einem Stein, dessen Licht an den Mond über ihrem imaginären See erinnerte.

Wir entschieden uns für einen Ceylon Mondstein mit einem wunderschönen bläulichen Lichtschein.

Ceylon Mondstein mit blauer Adulareszenz für individuellen Mondsteinring

Der Ceylon Mondstein für Gabis Ring. Sein bläulicher Lichtschein, die sogenannte Adulareszenz, erinnerte uns an Mondlicht auf einer Wasseroberfläche.

Mondsteine gehören zur Gruppe der Feldspäte und sind für ein optisches Phänomen bekannt, das als Adulareszenz bezeichnet wird. Durch ihre innere Struktur entsteht der Eindruck eines Lichtscheins, der unter der Oberfläche des Steins zu schweben scheint. Verändert sich der Winkel zwischen Stein, Lichtquelle und Betrachter, scheint sich auch dieses Licht durch den Stein zu bewegen.

Bei Gabis Mondstein war dieser Effekt besonders schön ausgeprägt. Je nachdem, wie man ihn hielt, wirkte sein Licht weich und beinahe milchig, bevor plötzlich ein deutliches kühles Blau über seine Oberfläche wanderte. Das passte so wunderbar zu ihrer Beschreibung, dass der Stein für mich tatsächlich zu unserem kleinen Mond wurde.

Damit war allerdings erst die Hälfte unseres Bildes gefunden. Nun brauchten wir noch das Wasser.

Wie wird aus Silber eine Wasseroberfläche?

Ich wollte den Mondstein nicht einfach auf eine klassische Ringschiene setzen und damit die Aufgabe für erledigt erklären. Gabi hatte mir mit ihrer Erzählung ein so konkretes Bild gegeben, dass ich versuchen wollte, dieses Bild im gesamten Schmuckstück weiterzuführen. Die eigentliche gestalterische Frage lautete deshalb: Wie kann ich einem festen Material wie Silber etwas von der Bewegung und Leichtigkeit einer Wasseroberfläche geben?

Im Laufe des Entwurfsprozesses entstanden fünf verschiedene Varianten für ihren individuellen Mondsteinring.

Ich untersuchte, wie stark das Silber den großen Mondstein umfassen sollte, wie weit sich die Ringschiene öffnen konnte und wie die unterschiedlichen Volumen miteinander in Beziehung stehen mussten. Einige Entwürfe waren kompakter, andere lösten die klassische Form des Rings stärker auf. Nach und nach näherten wir uns der Variante, in der Stein und Ringschiene tatsächlich wie Teile derselben Landschaft wirkten.

Dass Gabi selbst Gestalterin war, machte diesen Prozess für mich besonders schön. Sie kannte die Annäherung an eine Form, bei der eine erste Idee ausprobiert, betrachtet, verändert und manchmal wieder verworfen wird. Proportionen verschieben sich, eine Rundung wird stärker oder zurückhaltender, Flächen öffnen und schließen sich, bis irgendwann aus vielen Entscheidungen eine Form entsteht, bei der man nicht mehr darüber nachdenken muss, ob sie richtig ist.

Finaler Entwurf individueller Mondsteinring aus 925 Silber

Finaler Entwurf individueller Mondsteinring aus 925 Silber

So entstand schließlich Gabis Mondscheinring.

Individueller Mondsteinring aus 925 Silber mit Ceylon Mondstein

Gabis fertiger Mondscheinring aus 925er Silber mit Ceylon Mondstein. In der hochglanzpolierten Oberfläche spiegeln sich Himmel und Licht, während der Mondstein seinen bläulichen Schimmer zeigt.

Der große Ceylon Mondstein erhebt sich über einer organisch modellierten Ringschiene aus 925er Silber. Das Metall wächst auf beiden Seiten zum Stein empor, nimmt ihn auf und öffnet sich gleichzeitig um ihn herum. Die Form sollte weder eine konkrete Welle noch eine naturalistische Wasserlandschaft abbilden. Mir ging es vielmehr um das Gefühl von Bewegung, das Gabi beschrieben hatte.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die hochglanzpolierte Oberfläche des Silbers. Durch die Politur nimmt das Metall seine Umgebung auf. Licht läuft über die weichen Rundungen, helle und dunkle Flächen verändern sich mit jeder Bewegung der Hand, und die Umgebung spiegelt sich verzerrt auf der organischen Oberfläche. Das massive Silber bekommt dadurch eine optische Beweglichkeit, die mich an eine Wasseroberfläche erinnert.

Darüber liegt der Mondstein mit seinem eigenen, scheinbar im Inneren schwebenden Licht. Silber und Stein reagieren auf unterschiedliche Weise auf ihre Umgebung, greifen einander dadurch aber immer wieder auf. Das Silber spiegelt das Licht an seiner Oberfläche, während der Mondstein es in seinem Inneren zu tragen scheint.

Leider habe ich den fertigen Ring damals nur bei Tageslicht fotografiert. Wenn ich die Bilder heute betrachte, finde ich gerade das sehr schön. Der blaue Himmel und die Wolken spiegeln sich in der polierten Ringschiene, während das Blau im Mondstein wieder auftaucht. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Stein, Silber und Umgebung, und ich erkenne darin noch immer den See, den ich vor Augen hatte, als Gabi mir von ihrem Wunsch erzählte.

Ein stiller Sehnsuchtsort für eine Frau voller Tatendrang

Erst heute fällt mir auf, wie viel dieser Wunsch über Gabi erzählt. Vielleicht berührt mich ihr stiller See gerade deshalb so sehr, weil ihr eigenes Leben von so viel Aktivität geprägt war. Sie engagierte sich, plante, vernetzte, brachte Dinge ins Rollen und war für andere Menschen da. Bei mir im Atelier ging es für einen Moment ausschließlich um sie und um etwas, das sie sich schon lange gewünscht hatte.

Auch hinter ihrem Tatendrang stand für mich immer eine große Zugewandtheit zu anderen Menschen. Ich erinnere mich daran, wie oft sie mir voller Stolz von ihren Kindern erzählte und wie liebevoll sie über ihren Mann sprach. Sie hatte einen wunderbaren Partner fürs Leben gefunden, sagte sie, und sie konnte sehr genau benennen, welche Eigenschaften sie an ihm schätzte. Wenn Gabi Menschen liebte, mussten diese Menschen darüber nicht rätseln.

Vielleicht ist auch das etwas, das ich aus der Erinnerung an sie mitnehme. Wir denken oft sehr viel darüber nach, was andere Menschen uns bedeuten, und sagen ihnen erstaunlich wenig davon. Dabei kann es etwas unglaublich Schönes sein, sich selbst einmal durch die Augen eines Menschen zu sehen, der einen liebt und wertschätzt.

Gabi konnte Menschen dieses Gefühl geben.

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Ein Schmuckstück für das Leben

Als wir ihren Mondscheinring gestalteten, wussten wir nicht, dass Gabi ungefähr ein Jahr später sterben würde. Ich möchte dem Ring deshalb im Nachhinein keine Bedeutung zuschreiben, die er für sie damals nicht hatte. Er war kein Abschiedsschmuck und kein Erinnerungsring. Er war ein Schmuckstück für das Leben, für ihres.

Gerade darin liegt für mich heute etwas sehr Kostbares.

Gabi konnte sich diesen lange gehegten Wunsch erfüllen. Sie suchte ihren Mondstein aus, begleitete die Entwicklung der Entwürfe und konnte am Ende den fertigen Ring an ihrer Hand tragen. Wir machten gemeinsam einen ihrer Sehnsuchtsorte sichtbar, ohne zu ahnen, dass genau dieses Bild später einmal Teil meiner eigenen Erinnerung an sie werden würde.

Ich habe lange gebraucht, bis ich diese Geschichte aufschreiben wollte. Das lag auch an meinem Respekt vor ihrer Familie, denn mein Verlust ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Gabis Tod für die Menschen bedeutet, die ihr am nächsten standen. Sie verloren ihre Mutter, Ehefrau, Partnerin, Gefährtin, Freundin und Fürsprecherin. Ein Mensch, der im Leben so viel Raum eingenommen hat, hinterlässt auch einen entsprechend großen leeren Platz.

Gleichzeitig erlebe ich etwas, das ich sehr passend für Gabi finde: Einige der Verbindungen, die sie geschaffen hat, bestehen weiter. Ihre Tochter ist heute eine gute Freundin von mir und besonders von meinem Partner geworden. Die beiden tanzen gemeinsam Standard und unternehmen auch darüber hinaus allerlei Dinge miteinander. Gelegentlich bin ich dabei, wobei ich ihr beim Tanzen sehr gern den Vortritt lasse. :-)

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet von einer Verbinderin wie Gabi vor allem Verbindungen bleiben. Menschen hinterlassen schließlich nicht ausschließlich Gegenstände, Orte oder Erinnerungen. Manchmal hinterlassen sie Menschen im Leben anderer Menschen.

Mondlicht auf dem Wasser

Ich weiß nicht, wo Gabis Geist heute ist, und ich weiß auch nicht, was nach unserem Tod kommt. Darauf brauche ich keine fertige Antwort.

Ich habe stattdessen ein Bild.

Es ist dasselbe Bild, das in meinem Atelier entstand, als Gabi mir lange vor ihrem Tod von ihrem Wunsch nach einem Mondsteinring erzählte. Ich sehe einen See in einer klaren Nacht, dessen Oberfläche sich ganz leicht bewegt. Der Mond steht über dem Wasser und sein Licht wandert über die kleinen Wellen.

Am Ufer sitzt Gabi.

Wenn ich sie mir dort heute vorstelle, denke ich an all das, was ich inzwischen mit diesem Menschen verbinde. An die Architektin, die Räume für Geschichten geschaffen hat. An die Macherin und Verbinderin, die sich gesellschaftlich engagierte und Menschen zusammenbrachte. An die stolze Mutter, die liebevolle Ehefrau und an meine Freundin, die ich sehr gern kennenlernen durfte.

In meiner Vorstellung muss sie an diesem Ort gerade nichts organisieren, planen oder voranbringen. Sie sitzt dort, schaut auf das Wasser und hat genau jene Ruhe, jenen Frieden und jene Liebe im Herzen, die ich damals schon vor mir sah, als sie mir von ihrem Sehnsuchtsort erzählte.

Ich weiß nicht, ob es diesen Ort gibt. In meinem Herzen gibt es ihn.

Vielleicht ist das sogar der schönste Raum, den ich mir für eine Architektin vorstellen kann: ein stiller Platz am Wasser unter dem Mond.

Wenn ich heute Gabis Mondscheinring betrachte, sehe ich deshalb längst nicht mehr zuerst einen außergewöhnlichen Ceylon Mondstein oder eine fließende Ringschiene aus poliertem Silber. Ich sehe den Menschen, mit dem dieser Ring entstanden ist.

Und ich empfinde große Dankbarkeit und Demut darüber, dass sich unsere Wege gekreuzt haben, dass aus einer Begegnung in einem Unternehmernetzwerk Freundschaft werden durfte und dass ich Gabi, ohne zu wissen, wie kostbar unsere gemeinsame Zeit einmal sein würde, einen ihrer Sehnsuchtsorte in Schmuck übersetzen durfte.

In meinem Herzen sitzt Gabi am See bei Nacht im Mondlicht und lächelt mich an.

Danke, Gabi.

Wenn du noch weitere Geschichten und besondere Schmuckprojekte entdecken möchtest, schau gerne in meinem Lookbook vorbei. Lass dich überraschen, welche Geschichte sich hinter den einzelnen Schmuckstücken verbirgt, und entdecke, wie unterschiedlich persönliche Gedanken und Lebensthemen in Schmuck eine Form finden können.